Selbsterkenntnis

Montags um 10.00 Uhr in Deutschland.
Du startest motiviert in die Woche, guter Kaffee, klare Gedanken, alles scheint im Fluss.
Und dann reicht ein einziger Satz, ein Blick, ein Kommentar und jemand schafft es, deine Toleranz für die gesamte Woche aufzubrauchen.

Ich sehe das oft in meinem Umfeld.
Und jedes Mal ist es wie ein Blick zurück auf den Menschen, der ich einmal war.

Auch ich hatte früher eine verdammt kurze Zündschnur.
Ich bin bei jedem kleinen Funken hochgegangen.
Ein falsches Wort, ein falscher Ton, und in mir ging ein Feuerwerk los, das am Ende nur aus zwischenmenschlichen Scherben bestand.
Scherben, die ich später wieder mühsam zusammenfegen musste.
Ich glaube, wir alle kennen das.

Irgendwann habe ich angefangen, mich selbst zu beobachten.
Nicht oberflächlich, sondern wirklich hinzuschauen und mich zu fragen,
was triggert mich da eigentlich so sehr?
Warum brennt da in mir etwas durch, wo andere ruhig bleiben?
In welchen Momenten passiert das? Und bei wem?

Am Anfang tat das weh
Denn wenn du ehrlich bist, merkst du schnell, dass es nicht die anderen sind.
Es sind alte Muster in dir, die Alarm schlagen.
Alte Verletzungen, die wach werden.
Geschichten, die du längst verdrängt hast aber die dich noch immer führen, wenn du nicht aufpasst.

Ich habe es irgendwann verstanden, dass ich mein Gegenüber nicht verändern kann.
Aber ich kann meine Haltung verändern.
Und meinen Blick.

Als mir klar wurde, dass das Verhalten eines Menschen mehr über ihn aussagt als über mich, wurde mir auch bewusst, dass es umgekehrt genauso ist.
Meine Reaktion erzählt immer etwas über mich.
Über meine Geschichte.
Über das, was in mir noch unruhig ist.

Das war der Punkt, an dem sich etwas verschoben hat.
Nicht im Außen, sondern in mir.

Ich habe gelernt, dass es an mir liegt, wie ich auf andere zugehe.
Wie ich Situationen bewerte.
Wie ich meine Energie halte oder verstreue.
Ich kann das Verhalten anderer nicht kontrollieren, aber ich kann entscheiden, wie ich darauf reagiere.

Und irgendwann wurde es ruhiger in mir.
Nicht perfekt aber ruhiger.

Heute merke ich schneller, wenn mich etwas triggert.
Ich bleibe nicht mehr in dieser Wutspirale hängen.
Ich falle nicht mehr so tief in diese alten Reflexe.
Ich erkenne sie, ich sehe sie kommen und damit verlieren sie ihre Macht.

Ich glaube, Veränderung passiert genau dort.
Nicht in den Momenten, in denen wir laut werden,
sondern in den Momenten, in denen wir leise hinhören,
was dieser Trigger uns eigentlich sagen will.

Und vielleicht beginnt echte Gelassenheit nicht damit, dass wir weniger Menschen treffen, die uns nerven.
Sondern damit, dass wir uns selbst ehrlich begegnen,
wenn sie es tun.