Die Stille

In die Stille gehen

Es fing an mit fünf Minuten Stillstehen.
Ganze fünf Minuten in die sogenannte „stehende Säule“.

Ich dachte anfangs:
Okay. Ich habe dieses Programm gebucht, also ziehe ich es durch.
Ich wollte schließlich mehr über mich erfahren.
Ich wollte meditieren lernen, oder, wie ich es für mich genannt habe: das Gebet lernen.

Und dann sagt mir dieser junge, sympathische Mann am anderen Ende der Zoom-Konferenz:
„Wir stehen jetzt fünf Minuten still.“

Was sollten mir fünf Minuten schon bringen?

Die Erfahrung war zweierlei.
Das Stehen machte mir nichts aus.
Aber dann war da noch die Stille.
Keine Ablenkung.
Nur meine Gedanken und ich.

Vielleicht gehörst du auch zu denen, die selten wirklich still sind.
Tagsüber oder abends läuft der Fernseher.
Eine Schallplatte liegt auf.
Zum Einschlafen Musik, geführte Meditationen oder Hörspiele.
Irgendetwas flimmert immer.
Irgendetwas beschallt den Raum.

Es war kein Genuss.
Es war Gewohnheit.
Im Grunde war es eine Flucht. Eine Flucht vor mir selber.

Und dann plötzlich die Stille.

Kein Wegdrücken mehr.
Kein Überdecken.
Nur das bewusste Beobachten der eigenen Gedanken.

Gespräche vom Tag tauchen auf.
Diskussionen.
Offene Situationen.
Ich stellte mir Fragen.  Habe ich richtig reagiert?
Habe ich jemanden verloren? Einen Mitarbeiter, einen Kollegen, vielleicht sogar mich selbst?

Frische Erlebnisse vermischen sich mit alten Mustern aus der Kindheit.
Ungefiltert.
Unsortiert.

Die Stille wird zur Qual.
Keine Ablenkung.
Zweifel.
Unsicherheit.
Angst.

Ein Teil von mir wollte weg.
Wollte abbrechen.
Wollte sagen: Das bringt doch nichts.

Und ein anderer Teil blieb stehen.
Nicht aus Einsicht.
Nicht aus innerer Ruhe.
Sondern aus Trotz.

Ich wollte einfach einmal nicht wieder ausweichen.
Nicht wieder abbrechen.
Nicht wieder aufgeben – wie schon so oft zuvor.

Also bin ich geblieben.

Ich habe weitergemacht.
Die Stille blieb unangenehm.
Aber sie war keine Bedrohung mehr.

Ich begann zu variieren.
Wechselte vom Stehen ins Sitzen.
Vom Sitzen ins Liegen.

Mit der Zeit kam etwas anderes dazu.
Keine Erleuchtung.
Kein großes Gefühl.

Sondern Klarheit.
Und eine ungewohnte Frische.

Heute blicke ich gerne darauf zurück.
Ich genieße es, ruhig zu sein.
Nicht, weil dann keine Gedanken mehr da wären – die sind es weiterhin.
Sondern, weil ich ihnen nicht mehr ausweichen muss.

Die Konfrontation mit mir selbst ist kein Kampf mehr.
Sie ist eine Einladung zum Reflektieren.

Ich bin nicht frei von Gedanken.
Aber ich bin freier von Wertung.
Und von Verurteilung.

Und vielleicht ist genau das gemeint,
wenn wir von Stille sprechen.